Nationalsozialistische Zwangsarbeit
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden ca. 25 Millionen Menschen zur Zwangsarbeit verdingt. Der Historiker Jens-Christian Wagner definiert Zwangsarbeit als „die Arbeit gegen den Willen der Beschäftigten“, die „mit außer-ökonomischen Zwangsmaßnahmen durchgesetzt wurde.“[1] Dieser Definition kann hinzugefügt werden, dass in den ersten Kriegsjahren vordergründig betrachtet auch ökonomische Gründe vorliegen konnten, die manche zwang, sich „freiwillig zum Arbeitseinsatz“ zu melden, weil durch die deutsche Besatzung lokale Produktionsstrukturen und somit die Existenzgrundlage zerstört wurde.[2] Als die Zahl der „Freiwilligen“ rapide zurückging, weil die Arbeitskräfte – anders als die Propaganda suggerierte – Ausbeutung und lebensfeindliche Bedingungen erfuhren, ging die NS-Administration zu massenhaftem Menschenraub über.
Von den 25 Millionen wurden mehr als 13 Millionen Menschen nach Deutschland verschleppt. Ihre Anzahl entspricht der gegenwärtigen Bevölkerungszahl Bayerns. Verteilt auf 30.000 Lager innerhalb des damaligen „Deutschen Reichs“, die aus aufgestellten Baracken oder umfunktionierten Räumen in Gaststätten oder Schulen bestanden, wurde ihre Arbeitskraft öffentlich sichtbar ausgebeutet. Die Anzahl dieser Massenlager entspricht der heutiger Supermärkte und Lebensmittelläden im Bundesgebiet.[3] Unter den Verschleppten und der Zwangsarbeit ausgesetzten waren circa 1,5 Millionen Kinder. Ihre Anzahl entspricht der heutigen Bevölkerungsgröße Münchens. An der Ausbeutung durch Zwangsarbeit beteiligte sich auf allen strukturellen Ebenen ein Großteil der Gesellschaft in Deutschland: Konzerne und mittelständische Unternehmen, Handwerk und Landwirtschaft, Universitäten und Forschungsinstitute, Kunstbetrieb und Filmproduktionen, Opern und Theater, Kirchen und Klöster, Gemeinden und Städte, Behörden und Ämter, Familien und Einzelpersonen, die die Zwangsarbeitenden anforderten und von deren Arbeitskraft profitierten.[4]
[1] Vgl. Jens-Christian Wagner, Zwangsarbeit im Nationalsozialismus – ein Überblick, in: Stefan Hördler/Volkhard Knigge/Rikola-Gunnar Lüttgenau/Jens-Christian Wagner (Hg.), Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Begleitband zur Ausstellung, Göttingen 2016, S. 180–193, hier S. 180.
[2] Vgl. Johannes-Dieter Steinert: Deportation und Zwangsarbeit. Polnische und sowjetische Kinder im nationalsozialistischen Deutschland und im besetzten Osteuropa, 1939–1945, Essen 2013, S. 23-24.
[3] Vgl. Paul-Moritz Rabe: Das RAW-Lager Neuaubing und seine Insassen. In: Winfried Nerdinger (Hg): Zwangsarbeit in München. Das Lager der Reichsbahn in Neuaubing, Berlin 2018, S. 130.
[4] Vgl. Christine Glauning: Mittendrin und außen vor: Zwangsarbeit in der NS-Gesellschaft, In: Winfried Nerdinger (Hg): Zwangsarbeit in München. Das Lager der Reichsbahn in Neuaubing, Berlin 2018 S. 13-14.