Entschädigung

Welche Summe ist notwendig, um das Verbrechen der NS-Zwangsarbeit zu entschädigen?

Der Gewinn, den deutsche Unternehmen und der NS-Staat durch den Einsatz von nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeitenden erzielten, beträgt nach Berechnungen des Wirtschaftshistorikers Thomas Kuczynski 116 Milliarden Euro.[1] Kuczynski kalkulierte aber lediglich die ökonomischen Vorteile, die dadurch entstanden, dass die Lohnkosten für Zwangsarbeitende wesentlich geringer waren als die für deutsche Arbeitskräfte. Die errechnete Summe von 116 Milliarden Euro umfasst also nicht den insgesamt aus der Zwangsarbeit resultierenden Gewinn für die deutsche Wirtschaft, der wesentlich höher ausfiele. Ebensowenig sind Ansprüche berücksichtigt, die den Ausgebeuteten dadurch entstanden sind, dass sie ihre vorher ausgeübte Berufstätigkeit verloren. Auch beinhaltet der errechnete Betrag nicht die Entschädigungsansprüche der etwa 12 Millionen Menschen, die nicht in Deutschland, sondern in den von Deutschland überfallenen Ländern der Zwangsarbeit ausgesetzt wurden.

Um die Zwangsarbeitenden des NS-Regimes zu entschädigen, wurde im Jahr 2000 die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gegründet. Sie zahlte ehemaligen Zwangsarbeitenden eine Summe von 4,45 Milliarden Euro aus. Das entspricht etwa 3,8% der von Kuczynski errechneten 116 Milliarden Euro, die notwendig gewesen wären, um allein den Entschädigungsansprüchen aus den wirtschaftlichen Resultaten der erpressten Arbeitsleistung zu entsprechen – ungeachtet historischer, moralischer oder juristischer Aspekte und ungeachtet der Tatsache, dass eine Entschädigungsabsicht, die 55 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs formuliert wird, nur als bedingt realitätsbezogen betrachtet werden kann. Von den 25 Millionen durch den NS-Staat ausgebeuteten Zwangsarbeitenden wurden von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ 1,66 Millionen entschädigt.[2] Das entspricht einem Anteil von weniger als 7%. Die Entschädigten erhielten jeweils Einmalzahlungen von durchschnittlich 2.680,72 Euro. Für Millionen Zwangsarbeitende, ihre Nachkommen und deren soziales Umfeld ist die Erfahrung der systematischen Ausbeutung und damit verbundene Traumata bis in die Gegenwart Teil ihrer sozialen Realität. Gleichzeitig finden sich in den Listen der reichsten Deutschen bis heute kontinuierlich und mehrheitlich Profitierende der NS-Zeit.[3] Der durch die Zwangsarbeit erpresste milliardenfache ökonomische Gewinn verschwindet hinter dem Begriff des „Wirtschaftswunders“ und ist bis in die Gegenwart Teil des deutschen Wohlstands.

[1] Vgl. Thomas Kuczynski: Entschädigungsansprüche für Zwangsarbeit im Dritten Reich auf der Basis der damals erzielten zusätzlichen Einnahmen und Gewinne, in: 1999 : Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21.Jahrhunderts, 1999 – 15 | Heft 1 – 1, S. 15-63.
[2] Vgl. Michael Jansen, Günter Saathoff (Hg.), Gemeinsame Verantwortung und moralische Pflicht. Abschlussbericht zu den Auszahlungsprogrammen der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, Göttingen 2007, S. 7.
[3] Vgl. Christoph Neßhöver, Familie Reimann führt Rangliste an, in: Manager Magazin, 02.10.2020, Link [8.1.2022].